Jubiläumstagung der Ernst-Bloch-Gesellschaft „Fremdes Zuhause, urvertraute Fremde“. Mit Blochs Philosophie zum Thema ‚Fremd und Eigen‘

Reichlich Spannkraft versprach die Jubiläumstagung zum 30-jährigen Bestehen der Ernst-Bloch-Gesellschaft, die am 11. und 12. November in Ludwigshafen unter diesem Titel stattfand. „Fremdes Zuhause, urvertraute Fremde“ ist die Überschrift einer Geschichte aus den Spuren, die sich bis zu den Grundfesten von Biografie und Werk Blochs hinabrankt. So blätterte sie für die Tagung ein Panorama auf, in dem Beiträge zu Kunst und Religion ebenso Platz fanden wie Bezüge zu aktuellen Forschungs- und Krisenkontexten oder die Rezeption des Bloch’schen Werkes im Ausland. Für Rück- und Ausblick auf die Arbeit der Ernst-Bloch-Gesellschaft bemühte Gert Ueding (Tübingen) in seinem Eröffnungsvortrag das Zusammenspiel von Musen und Chariten in der Antike. Erstere wurden um Inspiration angerufen, waren das Treibende im Schöpfungsprozess der Künste und in der Wahrheitsfindung der Wissenschaften, während letztere Anmut und Freude versinnbildlichten. Die Verknüpfung der steten Suche nach Zukunft bei gleichzeitiger Dankbarkeit für das Erreichte (die sich nie in verehrende Betrachtung versteigen dürfe, sondern stets aktivierend bleiben müsse), darin sah Ueding für das Werk Ernst Blochs wie für die Arbeit der Gesellschaft den Treibstoff. Dass er längst noch nicht verbraucht ist, zeigte nicht zuletzt die Form der Vorträge vom ersten Tag: Gründungsmitglieder der Gesellschaft referierten gemeinsam mit NachwuchswissenschaftlerInnen. Auf diese Weise ist – verknüpft mit dem thematischen Schwerpunkt – eine „doppelten Übersetzungsarbeit“ (Francesca Vidal) versucht worden – zwischen den Generationen und zwischen den Kulturen.

 

Musik, Religion und die Mittel des Widerstands

Den Anfang machten Reinke Schwinning (Siegen) und Joachim Lucchesi (Ludwigsburg), die über die Rolle der konkreten Utopie in Blochs frühen Schriften zur Musik sprachen, etwa zum Lied der Seeräuber-Jenny in Brechts Dreigroschenoper: Bloch habe in der Komposition Kurt Weills die Freiheits- und Erlösungsphantasien des Küchenmädchens, ihre Sehnsucht nach dem Advent eines Messias und damit eine „direkte Ahnung“ der Utopie erkannt. Blochs Betrachtung des Songs aus der Dreigroschenoper sei exemplarisch für seinen Umgang mit der Musikgeschichte. Viele Komponisten von Rang, so Lucchesi, insbesondere zeitgenössische, habe er entweder mit einem Halbsatz abgeurteilt oder vollkommen ignoriert. Er habe sich die Freiheit genommen, nur zu berücksichtigen, was er für seine Philosophie dienstbar machen konnte. Dieser Umgang mit der Tradition betreffe allerdings, wie Gert Ueding anmerkte, nicht allein die Musik, sondern auch die Literatur.

Ähnliche Freiheiten im Umgang mit der Überlieferung mochte Bloch dagegen den christlichen Kirchen nicht zugestehen. Dass sein Interesse an der Religion untrennbar mit Kritik an der Kirche verknüpft war, zeigten Lukas Hartmann (Landau) und Beat Dietschy (Bern). Bloch habe gestört, dass die subversiven Züge des Christentums unterdrückt wurden, während zugleich der Klerus zum Staatsträger avancierte und dem Volk das Fürchten vor dem Menschengemachten lehrte. Diese Ausübung von Gewalt legitimiere für Bloch die Gegengewalt eines Thomas Münzer; er sah das „Gewaltrecht des Guten“ auf dessen Seite. Inwiefern Blochs Zustimmung hierzu auf eine Politisierung des Religiösen bei Bloch insgesamt deutete, konnte nicht abschließend geklärt werden, ebenso wenig wie die Frage, welche Mittel des Widerstand Bloch für angemessen hielt.

Dass er den Frieden an den Kampf (zumeist in Abgrenzung zur Gewalt) knüpfte, legten Julia Zilles (Göttingen) und Micha Brumlik (Berlin) dar, der in Formulierungen wie der vom „kategorischen Imperativ mit dem Revolver in der Hand“ (Interview in einer Studentenzeitung) die Grenze zur Gewalt überschritten sah. Andere sahen darin eine ultima ratio im Kontext der Notwehr.

 

Die „prozedierende Vernunft“ in einer Welt der Differenzen

Um das Widerständige am fremden Gegenüber ging es im Beitrag von Evi Maria Weigl (Hildesheim) und Rainer E. Zimmermann (München). Mit Waldenfels, Lyotard und Bourdieu skizzierten sie die Grundzüge einer Philosophie der Differenz: Das Nicht-Sein der Möglichkeit sei an das Sein des Menschen gebunden, was einen Zwang zur Freiheit bedinge und zugleich die Nähe von Fremdem und Eigenem verdeutliche. Beides verunsichere die Menschen; in der Konfrontation mit dem fremden Gegenüber, die immer auch Erinnerung an den eigenen Freiheitszwang sei, bestehe die Reaktion allzu häufig im Versuch einer Anverwandlung. Anstatt jedoch den Fremden auf das Eigene zu reduzieren (und ihn so in seiner Freiheit zu beschneiden), sprachen sich die Referenten für eine wachsende Akzeptanz gegenüber Differenzen aus.

Ein ähnliches Plädoyer für erkennbare Unterscheidungen trug Gérard Raulet (Paris) vor. Europa sei ein „illusionärer Freiheitsraum“, in dem Grenzen weiterhin existierten. Anstatt diese pauschal zu verdammen oder gar zu verleugnen, müsse es eine Diskussion über sie geben. Schließlich würden erst durch Grenzen Räume erkennbar. Um den zunehmend multikulturellen Raum Europa zu konturieren, schlug Raulet vor, die gemeinsame Grenze des Rechts zu nutzen. Sie sei für das Projekt der Integration weitaus tauglicher als die Schimäre eines transnationalen Kontinents. Den von Raulet nur gestreiften Krisenszenarien der Gegenwart widmete sich Michael Daxner (Berlin) eingehender. Er fragte, wie mit der stillschweigend aufgekündigten Vorstellung, die Krise sei (ihrer etymologischen Anlage entsprechend) eine Passage zu Katastrophe oder Katharsis, umzugehen sei; wie könne dem „perpetuierten Krisenzustand“ der Gegenwart begegnet werden. Mit Verweis auf die eigene Biographie legte Daxner dar, dass er die Antwort nicht mehr im großen Entwurf (etwa im Sozialismus) ausmache, sondern in der Evolution einer „prozedierenden Vernunft“, die stets mit mehr als einer Wahrheit kalkulieren müsse.

 

Werk und Mensch in der Fremde

Viel Aufmerksamkeit wurde auf der Tagung der Bloch-Rezeption im Ausland zuteil. Xiaomeng Zhang (Peking) zeigte, dass diese in China seit Jahrzehnten sehr gering ausfällt. Nachdem Bloch in den 1980er Jahren mit Teilübersetzungen eingeführt worden sei, seien zwar einige Aufsätze zu dessen Werk erschienen; der große Widerhall sei jedoch sowohl an den Universitäten als auch in der Öffentlichkeit ausgeblieben. Eine ebenfalls äußerst dürftige Übersetzungslage konstatierte Mohamed Turki (Tunis, Recklinghausen) für die arabische Welt. Einzig die Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie und der Aufsatz Avicenna und die Aristotelische Linke seien bisher ins Arabische übertragen worden. Als wesentliches Hemmnis für weitere Übersetzungen nannte Turki den Rückgriff auf englische und französische Bloch-Ausgaben. Auch fehle es an Institutionen, die gezielt Übersetzer ausbilden; in manchen Ländern kämen Verbote erschwerend hinzu. Im Vergleich zu China existieren in der arabischen Welt jedoch wesentlich mehr Arbeiten zur Philosophie Blochs – etwa solche, die diese in Relation zu Denkern wie Sartre und Avicenna setzen oder nach dem Platz der konkreten Utopie in der Postmoderne fragen. Weitaus breiter aufgestellt – hinsichtlich Übersetzungen und Sekundärliteratur – ist die Bloch-Rezeption in Italien, über die Patrizia Cipolletta (Rom) referierte. Erste Übertragungen habe es bereits in den 1960er Jahren gegeben. Entsprechend dem thematischen Interessenschwerpunkt, der Versöhnung von Religion und Marxismus, sei Atheismus im Christentum als erste vollständige Übersetzung vorgelegt worden. Nach dem Epochenjahr 1989 allerdings sei das Interesse an Blochs Philosophie eingebrochen. Auch gegenwärtig habe sie einen schweren Stand; der analytischen Philosophie werde derzeit mehr Aufmerksamkeit zuteil.

Nicht um die Aufnahme des Bloch‘schen Werkes in der Fremde, sondern um dessen Leben in selbiger ging es Barbara Smitmans-Vajda (Tübingen) in ihrem Vortrag. Sie verglich die Exilzeit Blochs mit der von Stefan Zweig: Beide seien sie in ihrer Muttersprache zuhause gewesen, hätten sich im Ausland folglich in einer Insellage wiedergefunden. Während Zweig ob der Isolation zunehmend verzweifelt sei, habe Bloch sie als Gelegenheit begriffen, in Ruhe Das Prinzip Hoffnung zu schreiben. Auch der Blick für das Abseitige, in dem er ein anderes, besseres Leben vor-scheinen sah, mag Bloch im Exil geholfen haben. So sei es, wie Burghart Schmidt (Wien) anekdotenreich darlegte, bereits in der Jugendzeit in Ludwigshafen gewesen, als Bloch die „urvertraute Fremde“ in den Büchern Karl Mays entdeckt habe. Eine zuweilen abenteuerlich geladene Landschaft, etwa in Gestalt des nebelverhangenen Rheins, habe die Phantasie auf eine Wanderung durch die Wüste getragen, fernab des „fremden Zuhauses“, das dem Heranwachsenden das Elternhaus gewesen sei. Blochs gesamte Biographie, so bilanzierte Schmidt, sei gekennzeichnet durch den Wechsel von vorläufiger Ankunft – etwa bei seiner „Märchenprinzessin“ (Else von Stritzky) – und anschließender „Entheimatung“.

Was das Exil für eine Biographie bedeuten kann, machte schließlich die chilenische Autorin Leonor Quinteros Ochoa an ihrem eigenen Beispiel eindringlich deutlich. Sie las aus ihrem Buch „Zweimal Exil. Briefe und Erinnerungen aus dem chilenischen Exil.“ Ihr Vater, ein mit Bloch befreundeter Hochschullehrer, geriet während der Pinochet-Diktatur in Gefangenschaft. Bloch drängte auf dessen Freilassung und half der Familie bei der Übersiedlung nach Tübingen. Im Schwäbischen verbrachte Ochoa Kindheit und frühe Jugend, ehe sie nach Chile zurückkehrte. Bis heute sei es für sie schwer, einen bestimmten Ort als Heimat auszumachen, vielmehr schwebe sie im Unbestimmten – zwischen dem auch nach Jahrzehnten der Abwesenheit seltsam vertrauten Tübingen und dem chilenischen Iquique, wo sie mit ihrer Familie lebt. In den Schilderungen Ochoas wurde jene antithetische Spannkraft zwischen dem „fremden Zuhause“ und der „urvertrauten Fremde“, von der eingangs die Rede war, biographisch unmittelbar greifbar. Übersetzungsarbeit wird hier zur Lebensaufgabe, die ebenso wenig am Ende ist wie jene Übertragungen von Blochs Philosophie, die in den Vorträgen und Debatten aufgezeigt wurden.

Text: Manuel Theophil

Fotos: Laura Schleicher