Buchbesprechung: Der Fall des Philosophen

Weder psychoanalytische Fallgeschichte noch Biographie will Hanna Gekles neues Buch über Ernst Bloch sein, sondern der Versuch, eine doppelte Bewegung darzustellen: Es geht um den Nachvollzug der Verwicklung von analytischem Herausbringen (des Selbst) und produktivem Hervorbringen (des Werkes), was als eine „Archäologie des Denkens“ bezeichnet wird. Untersuchungsgegenstand dieser Archäologie sind vornehmlich Briefe Blochs sowie Texte aus dessen Frühwerk.

Dreh- und Angelpunkt von Gekles psychoanalytischer Textauswertung ist ein nicht voll entwickelter Ödipuskomplex, den sie Bloch attestiert. Früh entzieht sich, aufgrund eigener Probleme, Mutter Berta dem Kind. Idealisierung wie (totale) Identifikation mit der Wunscherfüllerin ‚Mutter‘ bleiben folglich ebenso aus wie ein auf sie gerichtetes Begehren des Jungen. Der Eingriff des Realitätsprinzips ‚Vater‘ wird hierdurch obsolet. Er wäre wohl ohnehin ausgeblieben, denn Vater Max Bloch ist noch weniger präsent als die Mutter. Eingefangen sieht Gekle Blochs ganz eigenes Ödipus-Drama etwa im Text Wasserscheide aus den Spuren. Bloch erzählt dort, wie er als junger Student im Zimmer seiner Hauswirtin einen toten Mann aufgebahrt sah. Er selber war gerade heimgekommen und fand das Haus verwaist vor – bis auf den Toten. Die Unerträglichkeit, allein zu sein mit der Leiche, lässt ihm nur die Flucht. Später wird er erfahren, dass es sich um den Mann seiner Wirtin (die er sich zuvor bereits als Witwe vorgestellt hatte) handelte. Gekle erkennt in dieser Erzählung Blochs Beziehung zu den eigenen Eltern: Mutter und Vater sind nicht präsent, sie entziehen sich allen Konflikten; Bloch selber findet sich – anders als der Ödipus Sophokles‘ und Freuds – nicht in der Rolle des tragischen Helden wieder, sondern in der des passiven Sohnes (S. 296 f).

Die (aus den Texten abgeleitete) Abwesenheit der Primärobjekte strahlt in sämtliche Kapitel des Buches aus. Blochs Leben erscheint in Gekles Darstellung bis ins mittlere Alter größtenteils als eine Suche nach Ersatz. Die mit Mutter und Vater nie geführten Konflikte trägt er mit Freunden und Ehepartnerinnen, mit Größen aus Philosophiegeschichte und Politik sowie, nicht zuletzt, auch im eigenen Werk aus. An Belegen ist der Autorin kein Mangel: Die Lehrer Oswald Külpe und Georg Simmel bezeichnet Bloch in Briefen an Dritte direkt als Väter; seine Manier, im Stil der alten Philosophen zu sprechen und zu schreiben, bezeugt für Gekle die Suche nach dem Vater (S. 417); den Jugendfreund Georg Lukács macht er zu seinem „narzisstischen Selbstobjekt“ (S. 104), fast schon manisch versucht Bloch, allen offensichtlichen Differenzen zum Trotz, eine symbiotische Beziehung herbeizuschreiben: Er und Lukács auf dem Gipfel der Philosophie als Verkünder noch nicht vernommener Wahrheiten! Deutlicher noch schlägt sich Blochs Wunsch nach Verschmelzung mit dem Anderen (was nur die Alternativen ‚Alles‘ oder ‚Nichts‘ zulässt) in seinen Ehen nieder: In der Beziehung mit Else von Stritzky beschwört er immer wieder eine Identität und stellt die Partnerin ganz in sein ureigenes Anliegen – das Werk (S. 238); bleibt bereits zu Lebzeiten kaum etwas übrig von der Frau, so macht Bloch sie nach ihrem Tod, im Gedenkbuch, vollends zur „Heiligen Else“ (S. 359). Dieses Muster wiederholt sich in der Ehe mit Karola Piotrowska. Auch sie wird, kaum entrinnbar, eingebunden in das zu Schaffende des Philosophen. Als genialer Schöpfer rückt Bloch regressiv an die Position des Kindes. Die Mühen des Broterwerbs sind an die Frau delegiert (für Tochter Mirjam, Kind aus zweiter Ehe, bleibt in dieser Konstellation kein Platz). Die herbeiphantasierte Symbiose geht im Fall Karolas noch einen Schritt weiter: Bloch bezeichnet sie als Mädchenknaben, sprengt damit die Geschlechtergrenze; Mann, Frau und Werk fallen in eins, wobei letzteres unumstößlicher Gradmesser für das Gelingen der Beziehung ist: „Bloch verlangt keine sexuelle Treue, aber absolute Werktreue. Hier hört die Toleranz auf“ (S. 372). Derart greift das ‚Ganz oder Gar-Nicht‘, das im Zwischenmenschlichen regiert, auch auf die Arbeit über. Der junge Bloch quält sich lange mit Entwürfen zu einer mehrbändigen Summa – weniger als der größte Wurf darf es nicht sein.

Dieser überbordende, eigentlich frühkindliche Narzissmus muss Enttäuschungen produzieren, die Gekle ebenso akribisch nachzeichnet wie zuvor ihr Zustandekommen: Den Philosophen Bloch treibt jene Selbstliebe in Arbeitskrisen, den Ehemann und Freund zu Rückzug und Abbruch von Beziehungen. Nicht selten endet die Flucht (die auch im oben erwähnten Spuren-Text Blochs Reaktion war) in Ludwigshafen bei den Primärobjekten, die sodann zum Quell neuer Enttäuschungen werden. Zugleich bringt die Einsicht, den eigenen Phantasmen oftmals selber nicht genügen zu können, immer wieder Schuldgefühle hervor. Das Lösen aus den herbeiphantasierten Symbiosen lässt einen Versehrten zurück.

Gekles Lesart vom ungehemmten Narzissten, der andere Menschen ganz zu vereinnahmen versucht, besitzt große argumentative Stringenz – insbesondere in jenen Passagen ihrer Rekonstruktion, die sich im engeren Sinne mit Biographischem auseinandersetzen (i. e. sich den Beziehungen Blochs zu anderen Menschen widmen). Sie verliert jedoch dort an Kraft, wo es um das Freilegen des zweiten Stranges der eingangs erwähnten Doppelbewegung geht – um das produktive Hervorbringen des Werkes. So ist etwa das Inkognito bei Gekle fast ausschließlich eines des Subjekts. Bei der Suche nach der Ursache für Blochs Interesse am Utopischen (auch diese Suche endet einmal mehr bei der abwesenden Mutter, S. 241) geht die Tatsache unter, dass dieser Tagträume, Sozialutopien als auch künstlerischen Vor-Schein im Idealfall eingeklinkt sah in den Weltprozess – in Möglichkeiten, deren Wurzeln in die Wirklichkeit reichen. Noch-Nicht-Gewordenes, Kältestrom, konkrete Utopie, die verschiedenen Schichten der Kategorie Möglichkeit (insbesondere das objektiv-real Mögliche), auch das Beerbbare, das Bloch der Philosophiegeschichte abrang – all dies findet in Gekles Buch kaum Erwähnung. Das von Bloch angenommene Inkognito der Welt erscheint zuweilen als die bloße Zurichtung des Narzissten, der auf Biegen und Brechen versucht, die Wirklichkeit nach seinen Phantasmen auszurichten. Die Autorin selber merkt in der Einleitung an, dass jene Werke Blochs, die sie für die theoretisch gehaltvollsten hält, für ihr Vorhaben die unergiebigsten sind (S. 22).

Diese – recht große – Leerstelle kann für die anvisierte „Archäologie des Denkens“ nicht folgenlos bleiben. Blochs Sprache ist mehr als „raunendes Beschwören“ (S. 474), das dem Philosophen vornehmlich Hilfsmittel gewesen sein soll, sich aus beengter und enttäuschungsbeladener Herkunft frei- und ins Phantasma eines Familienromans einzuschreiben, das ihn als Zögling aus vornehmem Haus zeigt (S. 553). Mag die Fähigkeit, Wunschbildern sprachlich Gestalt geben zu können, ihn auch vor der Privatheit des Wahns bewahrt haben (S. 170); vor allem jedoch ist Blochs Sprache einer prozesshaften Wirklichkeit – und damit dem hauptsächlichen Gegenstand seiner Philosophie – adäquat (so wie er selber es ganz ähnlich bei Hegel feststellte, vgl. Subjekt-Objekt). Eng mit der Sprache hängt das essayistische Denken zusammen, von dem im Geist der Utopie die Rede ist. Im Versuch, Einzelnes vor dem Hintergrund des Allgemeinen wahrzunehmen, erkennt Gekle einzig eine Beförderung des Subjekts und seiner vom jeweiligen Besonderen aufgescheuchten Psyche (S. 198). Es kann hierin allerdings auch ein (sehr) früher Bote von Realdialektik innerhalb eines Materialismus erkannt werden, dem Bloch erst knapp zwei Jahrzehnte später deutlichere Konturen gab. Und natürlich ist das Nicht, welches als Noch-Nicht für Bloch treibende Kraft der Geschichte ist, essentieller Bestandteil dieses Materialismus. Bloch ist gewiss nicht – wie von Gekle behauptet – über die Negation eilig hinweggegangen (S. 290), um möglichst rasch zu den Verheißungen der Zukunft gelangen zu können. ‚Alles‘ und ‚Nichts‘ – jene Kategorien, die wichtigstes Scharnier für die von Gekle angenommene Doppelbewegung (Herausbringen des Selbst und Hervorbringen des Werks) sind – gibt es bei Bloch zumeist nur vermittelt mit dem Nicht (vgl. etwa Prinzip Hoffnung). Wo doch einmal vom absoluten ‚Alles‘ die Rede ist, hat dieses den Prozess seiner eigenen Korrekturen (durch die Wirklichkeit) erfahren.

Nur wenn all dies Welthafte der Philosophie Blochs unberücksichtigt bleibt, wenn das summum bonum auf sein subjektives Moment verkürzt wird, indem in ihm einzig das Ende aller narzisstischen Kränkungen erkannt wird, nur dann kann Blochs Denken ein antidemokratischer Hang zum Totalitären attestiert werden (wie es Gekle im Kapitel über Russland und Stalin tut). Ursachenforschung für Blochs hartnäckige Stalintreue kann das Werk nur als verkürztes – und deshalb entstelltes – heranziehen, will sie in ihm fündig werden.

Trotz der dargelegten Schwächen ist Gekle alles in allem eine „Archäologie des Denkens“ Ernst Blochs gelungen, die sehr viel freilegt, zudem das Zutage-Geförderte schlüssig darzustellen weiß. Zugleich allerdings ‚gräbt‘ jene Archäologie aber eben auch nur in ausgesuchten Planquadraten, in jenen Winkeln von Werk und Biographie, die besonders reichen Ertrag versprechen. Zum Gesamtbild gehört neben der existentiellen Unerträglichkeit des Augenblicks allerdings auch dessen theoretisches Dunkel. Wo Bloch diesem Dunkel ein Korrelat in der Wirklichkeit zuspricht, kann die Psychoanalyse nicht mehr Methode einer „Archäologie des Denkens“ sein.

Hanna Gekle: Der Fall des Philosophen. Eine Archäologie des Denkens am Beispiel von Ernst Bloch. Frankfurt/Main: Klostermann 2019 (ISBN 978-3-465-04364-5, 39,00 €).

Manuel Theophil