EBG-Newsletter 2016-1

EBG Newsletter 2016/1

28.Februar 2016

Bloch * Newsletter der Internationalen Ernst-Bloch-Gesellschaft 2016, 1

 

Liebe Leserinnen und Leser des Newsletters der Ernst-Bloch-Gesellschaft,

heute erreicht Sie der erste von vier Newslettern, die jährlich und je zu Beginn des Quartals erscheinen sollen. In dieser Ausgabe kündigen wir die Jubliäumstagung der Blochgesellschaft zum Thema „Fremdes Zuhause, urvertraute Fremde“ am 11./12. November in Ludwigshafen an. Blochs aufrechtem Gang war eine Tagung in Weimar unterstellt. Im März erscheint ein Buch des Beschleu­nigungs­theoretikers Hartmut Rosa, das deutliche Bezüge zu Bloch aufweist. Im vergangenen Herbst erschien ein Buch, das Karola Bloch als Ernst Blochs Verbindung zur Welt zeigt. Weitere relevante Hinweise geben wir unter Verschiedenes.

Schließlich eröffnen wir die neue Rubrik „Briefe an die Ernst-Bloch-Gesellschaft“. Wir nehmen die Gelegenheit wahr, alle Leserinnen und Leser zur Mitarbeit einzuladen. Zuschriften, die uns erreichen, werden wir redaktionell in den Newsletter einbinden.

Die Links im Newsletter verweisen auf Besprechungen, Presseerklärungen oder andere Texte, die auf der Homepage der EBG oder anderswo im Internet zu finden sind. Auf diese Weise werden wir künftig den Newsletter an weiterführende Quellen anbinden.

 1. Vorankündigung: Jubiläumstagung der Ernst-Bloch-Gesellschaft

„Fremdes Zuhause, urvertraute Fremde“

Anknüpfend an den Satz ‚Dort wo Du nicht bist, da wohnt das Glück‘ erläutert der Philosoph Ernst Bloch in einer Geschichte in den Spuren, was es bedeutet, den Schritt in die Fremde zu wagen auf der Suche nach Heimat, als den Ort, wo noch niemand war. Er schreibt: „Der Sprung zum Niegewesenen ist wichtig, vor allem eben zum völlig bisher Fremden, …“

Wie aktuell Suche und Sprung sind, was sie für den Einzelnen bedeuten können, erfahren wir momentan durch die vielen Menschen, die vor Krieg, Leid und Elend fliehen müssen und in Hoffnung auf ein neues Leben sich nach Europa begeben. Den Sprung ins noch nicht Gewesene wagen auch die Menschen in den Ländern, in denen die Flüchtlinge Zuflucht suchen, und wie in Blochs Geschichte führt dies nicht immer zu einem Willkommen, sondern auch zu Gewalt und Abschottung.

Mit Blochs Philosophie will die EBG anlässlich ihres 30jährigen Bestehens aktuellen Herausforderungen begegnen und lädt deshalb gemeinsam mit dem Ernst-Bloch-Zentrum alle Interessierten zu ihrer Jahrestagung am 11. und 12. 11. 2016 ins Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen ein.

Vorträge, Podiumsdiskussionen und Gespräche zwischen Gründungsmitgliedern der EBG, ForscherInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen sollen der Frage nachgehen, ob Blochsches Denken zur Analyse gegenwärtiger Probleme beitragen kann.

Das genaue Programm wird im nächsten Newsletter bekannt gegeben.

 

2. Jahrbuch 2016

Das neue Jahrbuch 2016 wird pünktlich zur Buchmesse im Herbst im Verlag Königshausen & Neumann erscheinen. 2016 Jahr feiert die Internationale Ernst-Bloch-Gesellschaft ihren 30. Geburtstag. Das Jubiläum der Gesellschaft gibt Anlass, zurück zu blicken auf das, was geleistet wurde, und die künftige Arbeit der EBG zu skizzieren: Wie wird die Gesellschaft dem Auftrag „Werk und Wirken des Philosophen und Gesellschaftskritiker Ernst Bloch zu verbreiten“ nachkommen können? Thematischer Schwerpunkt wird das – mehr denn je – aktuelle Thema “Die Utopien des Friedens …“ sein. Dies war der Titel der letzten Tagung der Gesellschaft im Oktober 2015. Die dort gehaltenen Vorträge und weitere auf dieses Thema bezogene Beiträge werden Gegenstand der Veröffentlichung im Jahrbuch 2016 sein.

(Text: Werner Wild)

 

3. Tagungsbericht: Der aufrechte Gang im windschiefen Kapitalismus

Ausgerechnet unter einem Motto aus Blochs Gesellschaftsanalyse („Abriss der Sozialuto­pien“) stand eine Tagung in Weimar, die sich vom 7. bis 10. Januar den Varianten der Kritischen Theorie widmete. Der Kritischen Theorie von heute (von Habermas bis Honneth) galten einord­nende und klassifizierende Beiträge (Wolfgang Bonß, Stefan Müller-Doohm), andere orientierten sich an der (womöglich zu Unrecht so genannten) ersten Generation von Horkheimer, Adorno und Marcuse (Ulrich Ruschig, Hans-Ernst Schiller). Vor dem Hintergrund dieses Mainstreams der Kritischen Theorie forderte Elmar Altvater die Jüngeren auf, auch die weniger ausgetre­tenen Pfade aufzusuchen: „Irrtümer haben ihren Wert!“. Als Ausgangspunkt dafür nahm Johan Hartle das alltagsanalytische Werk „Geschichte und Eigensinn“ (von Alexander Kluge und dem selbst anwesenden Oskar Negt), das er mit Toni Negri /Michael Hardt und Jacques Rancière in Zusammenhang brachte. Aufbruchstimmung, im Geiste Blochs und womöglich auch in seinem Sinne, verbreitete der Philosoph der Beschleunigung, Hartmut Rosa, der seinen soziologisch-sozialphilosophischen Ansatz eine „kritische Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“ nennt. Blochs Begriff der Heimat, als das, was jedem aus der Kindheit entgegen scheint, ist bei Rosa paradigmatisch für Resonanz. – Die ausführliche Besprechung der Weimarer Tagung findet sich hier.

 

4. Buchbesprechung: Resonanztheorie der Weltbeziehungen

Blochs „Heimat“, als das, was allen in die Kindheit scheint, erfährt in Harmut Rosas neuem Opus Magnum „Resonanz“ einen interpretatorischen Richtungswechsel: „Die Heimat scheint uns in die Kindheit und deshalb nehmen wir als Erwachsene (auf der Suche nach dem Land, in dem noch keiner war) diesen Schein aus der Kindheit wahr.“ Insofern ist Heimat ein Paradigma für die Weltbeziehung der „Resonanz“, grob gesagt, eine Beziehung zur Welt, die als Geben und Nehmen zwischen Subjekt und Objekt vibriert, dem Leben so erst seinen je spezifischen Eigenwert verleiht und die Welt zum Singen bringt. Rosa beansprucht mit der Resonanztheorie „den Anspruch, beides leisten können: Angst und Hoffnung der Moderne mit den kategorialen Mitteln einer Soziologie der Weltbeziehung gleichermaßen zu begründen und zu verorten.“ (S. 739). Jeder Resonanzerfahrung, so Rosa weiter, wohne „ein ‚überschießendes‘ Moment inne, das eine andere Form der Weltbeziehung als Möglichkeit aufscheinen lässt“. Es ist kaum zu übersehen, dass hier eine Verbindung zu Blochs neuer Philosophie des Neuen und der in ihr aktualisierten Erfahrung des Utopischen hergestellt wird, die womöglich ihrerseits als Resonanzbeziehung beschrieben werden könnte: als eine Welt, in der nur Weniges verrückt werden muss, damit sie wieder singt, wie Blochs Rabbi aus den Spuren sagen könnte.

Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin: Suhrkamp 2016, € 34,95, erscheint im März.

 

5. Buchbesprechung: Blochs Link zur Welt

Von Bloch gibt es bekanntlich keine wissenschaftliche Biographie, die auch das nach der Wende bekannt Gewordene berücksichtigt. Wer über Blochs Leben und die Genese des Werks umfassend Bescheid wissen will, ist auf Dokumente angewiesen.

Zu diesen gesellen sich jetzt die Briefwechsel von Karola Bloch mit Siegfried Unseld hinzu. Abgedeckt wird von ihnen ein Zeitraum, in dem Bloch erblindet war und kaum noch selbst Briefe schrieb. Karola Bloch, die Polin, die nie ihren Akzent ganz verlor, zeigt sich dabei als eine des Deutschen auf lebendige Weise mächtige Stilistin. Ihre Autobiographie endet mit der Übersiedelung aus der DDR in die Bundes­republik (1961). Danach, so begründete sie das vorzeitige Ende, sei sie nur noch Frau Bloch gewesen. Tatsächlich zeigt sich die Frauenrechtlerin ante rem hier im Briefwechsel (lang vor der 68er Bewegung) für ihren Mann als Sekretärin, Köchin, Pflegerin, Freundin und Gesprächspart­nerin. Vor allem aber ist sie der Link zur Welt: die Verbindungen zum Verleger sind für Bloch die Lebensader. Ihr entlang winden sich die Beziehungen zu den Geistes­größen der alten Bundesrepublik und zu denen aus der DDR, den geflüchteten wie den dortgebliebenen: Martin Walser, Hans Mayer, Peter Huchel, Wolfgang Harich, Robert Havemann und viele andere. Plastisch zeigt sich: In Tübingen war Bloch ein Greis, der in den Uni-Seminaren jugendlich, sonst aber von seiner Umwelt isoliert ist, weil kaum einer mit dem Propheten auf Augenhöhe zu reden wagt.

Irene Scherer/Welf Schröter (Hg.), „Etwas das in die Phantasie greift“. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und Jürgen Teller, Mössingen: Talheimer 2015.

 

6. Briefe an die Ernst-Bloch-Gesellschaft

Anne Monika Sommer-Bloch übermittelt uns eine Presseerklärung des Philosophie­pro­fessors Örsan Kunter Öymen, der in der Türkei angeklagt ist, den Präsidenten in einem Zeitungsartikel „beleidigt“ zu haben.

In dem inkriminierten Artikel hat Öymen nichts anderes getan als seit vielen Jahren in zahllosen Artikeln zuvor, nämlich der Opposition eine Stimme der Aufklärung zu geben. Ihm drohen nun bis zu vier Jahre Haft. Öymen ist Professor an der privaten Isik Universität in Istanbul und Leiter von Philosophy in Assos, einer Vereinigung, die an Philosophie als „academia“ glaubt und regelmäßig Sommerkurse abhält. 2009 hielt Jan Robert Bloch dort einen Vortrag. Die Assoziation hat sich philosophischer Kreativität verschrieben. Zu den Themen, über die Öymen arbeitet, gehören „Gerechtigkeit und Freiheit“. Im europäischen Windschatten der Syrienkrise sind sie zunehmend von staatlicher Repression bedroht. Entsprechend wichtig ist es, von Europa die Opfer dieser politischen Entwicklung zu unterstützen.

Die Ernst-Bloch-Gesellschaft solidarisiert sich mit Öymen und veröffentlicht die internatio­nale Presseerklärung Öymens hier auf ihrer Homepage.

 

7. Presse, Verschiedenes

  • Vom 6. bis 8. November 2015 fand in Ludwigshafen die Jahrestagung der EBG zum „Dunkel des gelebten Augenblicks“ statt, die dieses Mal gemeinsam mit der Ernst-Bloch-Assoziation ausgetragen wurde. Die verschriftlichten Beiträge werden derzeit von der Ernst-Bloch-Assoziation gesammelt. Der Tagungsband wird im Herbst erscheinen. Die örtliche Rheinpfalz berichtete:
    „Den erhellendsten Vortrag freilich hielt der Schweizer Beat Dietschy, der letzte Assistent Ernst Blochs in Tübingen. Er schlug einen Bogen vom Wiedererkennungsmotiv in der altgriechischen Epik und Tragödiendichtung über den Messianismus im Neuen Testament bis zu Ludwig Tieck und Karl May. ‚Auch das Unheimliche an der Selbsterkenntnis war Bloch bekannt‘.“ (Rheinpfalz vom 11.10.2015)
  •  Dieselbe Rheinpfalz berichtet über den Bloch-Preisträger des Jahres 2015, Axel Honneth, dieser habe bekannt, dass „seine Wertschätzung Blochs im Laufe der Zeit gelitten“ habe. Blochs stimulierende Hoffnungs-Philosophie „sei auf einen entsprechenden Resonanzboden angewiesen, wie ihn die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg und die Zeit der ’68er-Revolte dargestellt hätten.“ Honneth habe deshalb den Titel „Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten“ gewählt. (Rheinpfalz vom 23.11.2015)
  • Druckfrisch erschienen:
    Diese Woche ist ein neues Buch über Ernst Bloch erschienen:
    Gert Ueding: Wo noch niemand war. Erinnerungen an Ernst Bloch. Klöpfer und Meyer 2016
    Das Buch eröffnet einen sehr persönlichen Zugang zum Lehrer Bloch, bei dem trotzdem das Werk im Mittelpunkt bleibt. In einem der folgenden Newsletter wird das Buch ausführlich besprochen.
  • Für alle Facebook-Nutzer: Es gibt eine internationale Bloch-Facebook-Gruppe (Ernst Bloch Studies). Alle sind herzliche eingeladen, dort beizutreten.

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Redaktion der Newsletters: Ulrich Müller-Schöll/Julia Zilles