Buchbesprechung: Éric Vuillard, Der Krieg der Armen

Inmitten der Übersicht über die Quellen, Biographien und Neudrucke, die bis dahin zu Leben und Wirken Thomas Münzers erschienen waren, brachte Ernst Bloch seine Überraschung zum Ausdruck, dass sich noch kein Dichter am Wegbereiter der Bauernkriege entzündet habe. Es gebe noch keinen Roman, „der einer veränderten Seele, einem veränderten Zeitgrund an diesem wie an keinem anderen Stoff des europäisch gelebten Lebens die Einbringung des bloßen gottleeren ‚Romans‘ in die objektive Wachtraumfülle des ‚russischen Epos‘ erlaubte; Lukács’ Romantheorie und Epopöe-Prophezeiung gemäß.“ (Bloch, GA, Bd. 2, S. 13 f.) Es sei hier einmal dahingestellt, ob der Stoff ‚Thomas Münzer‘ tauglich gewesen wäre, jene „Sphäre einer reinen Seelenwirklichkeit“ herzustellen, die Georg Lukács am Ende seiner Theorie des Romans beschwor (Darmstadt/Nuewied 1977, S. 136). Was einen möglichen Beitrag des Theologen der Revolution zur Aufhebung von Entfremdung und Verdinglichung betraf, war das Urteil des Jugendfreundes jedenfalls schon sehr bald eindeutig: Der Weg aus dem unbehausten Leben in der Gegenwart führt nicht über die Bauernkriege – so lassen sich Lukács‘ Ausführungen in Geschichte und Klassenbewusstsein zu Blochs Münzer-Buch zusammenfassen.

Wollte man dieser Auseinandersetzung Aktualität unterstellen, so ließe sich behaupten, Éric Vuillard sei Bloch nun zur Seite gesprungen. Wenn auch kein runderneuertes Epos, so doch eine historische Miniatur hat der französische Schriftsteller über Thomas Münzer verfasst – von dessen ersten Jahren, über die nur wenig Gesichertes bekannt ist, bis zur Hinrichtung nach der Schlacht von Frankenhausen. Ist von Vuillard die Rede, ist auch oftmals die Bezugnahme auf Stefan Zweig nicht weit. Zumindest in diesem Fall geht diese Referenz jedoch in grundlegender Hinsicht fehl. Im Unterschied etwa zu Zweigs Sternstunden der Menschheit behandelt Vuillard Geschichte nicht als Destillat, das nur die Augenblicksentscheidungen großer Männer übriglässt und den Weltlauf von einer Sekunde auf die andere in neuen Bahnen unterwegs sieht, unablässiges Schicksalsgeraune inklusive. Solche Verengungen verhindert bei Vuillard bereits der Titel seiner Münzer-Erzählung – Der Krieg der Armen ist sie überschrieben, worin sich andeutet, dass hier keinem Einzelnen eine Sternstunde (weder im Positiven noch im Negativen) bevorsteht, durchlebt mit der Last, die Geschicke der gesamten Menschheit in den Händen zu halten. Niemandem wird etwa die Weltminute von Waterloo noch einmal schlagen oder Das erste Wort über den Ozean vergönnt sein; Unrecht, Gewalt und Ausbeutung hingegen haben sich – in Ähnlichkeit – über Jahrhunderte erhalten. So weitet Vuillards Erzähler denn auch die Perspektive, stellt die deutschen Bauernkriege in den Kontext des Wirkens von Jan Hus in Böhmen oder von Wat Tyler und John Ball in England, um schließlich wieder bei Münzers Invektiven gegen kirchliche und weltliche Gewalt anzugelangen.

Und nicht nur die Vergangenheit, auch die Gegenwart entkommt den Kommentaren des Erzählers nicht, ganz so, als folgte dieser einer Direktive Blochs: „So blicken wir auch hier keineswegs zurück. Sondern uns selber mischen wir lebendig ein. Und auch die anderen kehren darin verwandelt wieder, die Toten kommen wieder, ihr Tun will mit uns nochmals werden.“ (Bloch, GA, Bd. 2, S. 9) Wie Bloch mit Distanz zum Marx-Satz, man solle die Toten ihre Toten begraben lassen, zieht auch Vuillards Erzähler die Vergangenheit in die Gegenwart, um sie in den Dienst des Kampfes um eine bessere Zukunft zu stellen – etwa wenn er von Münzers Worten, weder Geld noch Macht noch fürstliche Abkunft rechtfertigten Willkür- und Gewaltherrschaft, behauptet, diese Worte würden allmählich zu unseren (vgl. Vuillard, Der Krieg der Armen, Berlin 2020, S. 26); oder wenn er religiösen Konflikten ganz handgreifliche Ursachen unterstellt: „In Wirklichkeit betrifft der Zwist um das Jenseits die Dinge dieser Welt. Darin liegt die ganze Wirkung, die jene aggressiven Theologien noch immer auf uns haben.“ (Ebd., S. 54.)

Nicht allein mit kirchlicher, sondern auch mit weltlicher Macht zu brechen, welche die Religion zu Legitimationszwecken missbraucht, war Münzers Hauptanliegen. Verantwortung für die Aufstände sprach er der Herrschaft zu („Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind wird: die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es auf die Länge gut werden?“ Bloch, GA, Bd. 2, S. 46), Luther bezichtigte er kuschender Servilität und die Bibel schließlich ist von ihm zum wirksamsten Instrument gegen ihren eigenen Missbrauch erkoren worden (dieses Vorgehen wird zum Grundzug von Blochs späterem Werk Atheismus im Christentum). All dies greift Vuillard in seiner Miniatur auf, womit auch ihr zukommt, was Bloch dem rebellischen Täufertum in Gottfried Kellers Erzählung Ursula (aus den Züricher Novellen) attestierte – „durch die Figuren seiner Dichtung eine Merkwelt zu sehen, die ihm wie seiner Zeit sonst verschlossen war“ (ebd., S. 220), also mit der dichterischen Aufbereitung von Vergangenem ein Aufmerken herbeizuführen, das Noch- Unabgegoltenes kenntlich macht. Dass Vergangenes fortwirkt (und seines Erbantritts harrt), fängt der Erzähler in Krieg der Armen mit folgendem Bild ein: „Die Geschichte ist Philomela“ (Vuillard 2020, S. 46) – die attische Königstochter, von ihrem Schwager vergewaltigt, der Zunge beraubt und gefangen gehalten, von ihrer Schwester gerächt und schließlich auf der Flucht von den Göttern in eine Nachtigall verwandelt, zwitschert – eben nicht vollends verstummt – „nachts in den Tiefen des Waldes“ (ebd.).

Dieses Zwitschern der Geschichte vernehmen Bloch und Vuillard bei Münzer; dass dieser zugleich reichlich Eifer an den Tag legte, dem Geschichtslauf weit vorauszueilen, die Endzeit als unmittelbar bevorstehend ansah, wird von Bloch durchaus kritisch angemerkt. Münzer war in nicht unerheblichem Maße blind gegenüber objektiver Potentialität, ein Schwärmer, der das irdische Leben unmittelbar in den Himmel schwenken wollte (vgl. Bloch, GA, Bd. 2, S. 219). Verhindert haben diese Einsichten freilich nicht, dass sich Bloch selber – in Reaktion auf die Russische Revolution – illusorisch- schwärmerisch überschlug. In Vermittlung von rotem Osten, dem erwarteten „proletarische[n] Stoß vom Westen“ (ebd., S. 228) und der Besinnung auf kulturelles Erbe, auf Meister Eckhart, die Hussiten, Münzer, die Täufer, Sebastian Franck usw. wird die Gewinnung des Reichs der Freiheit unmittelbar in Aussicht gestellt. An diesem Punkt nun ist Vuillards Erzähler nicht mehr an der Seite Blochs, vielmehr – um die eingangs erwähnte Auseinandersetzung nochmals aufzugreifen – eher an der Lukács’. Die Beschwörung des Heils, erst recht die Annahme, es stünde unmittelbar bevor, kann pointiertes, ins Weltliche gewendetes Ketzertum auch erlahmen lassen. Um dies zu verhindern – und hier zeigt sich nochmals die ungebrochene Parallele zwischen Bloch und Vuillard – ist geschichtliche Breite unerlässlich, wodurch letztlich auch die historische Person Thomas Münzer an Belang verliert. Entsprechend sieht der Erzähler in Krieg der Armen Münzer ganz am Ende, kurz vor dessen Hinrichtung – und sieht ihn zugleich doch nicht; nicht einmal mehr Forschungsgegenstand ist er ihm, „sondern ein beliebiger Mann, ein beliebiges ungreifbares Leben.“ (Vuillard 2020, S. 63.)

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. Berlin: Matthes & Seitz 2020 (ISBN 9783957578372, 16,- €)

Manuel Theophil