Ernst Bloch: Curriculum Vitae

Am besten krümmt man sich nicht beizeiten. Auch auf die Gefahr hin, kein Häkchen zu werden. Die Hauptsache ist, man bleibt gesund und darin nicht bloß munter.

Wie manches steht um unser Leben nur herum. Das Gute, das man hatte, hebt sich dann ganz eigen heraus. Man ist ihm dankbar, so wie man von einer Speise, die etwas hergibt, ebenfalls sagt, sie sei dankbar. Ich hatte auf der Schule alle Kameraden, aber keine Lehrer als Freunde. Bei vielen ist das oder Verwandtes ähnlich; zweite Hauptsache: Druck nicht
ertragen zu lernen. In der Arbeiterstadt Ludwigshafen begann man früh politische Schriften zu lesen. Dann nach dem 16. Jahr erste Kenntnis von Kants kleineren Schriften und Hegels ästhetischen Vorlesungen. Mit 17 Jahren Aufsatz: >Über die Kraft und ihr Wesen<, worin dies Wesen (>Ding an sich<) in Natur und Geschichte als >objektive Phantasie< zu bestimmen versucht wurde. Danach (Abklang der Pubertät) psychologistische, antimetaphysische Phase (Beziehung zu Berkley, Briefwechsel mit Mach). Studium 1905/06 bei Theodor Lipps in München, doch auch erste Berührung mit Scheler, >dadurch< Husserl. 1907, mit 22 Jahren, kam der Durchbruch: Manuskript >Über die Kategorie Noch-Nicht<. Das bezog sich vorerst psychologisch, auf das subjektiv Noch-Nicht-Bewußte, aber das Korrelat des objektiv Noch-Nicht-Gewordenen stand konkret utopisch, bereits dahinter. Die Würzburger Dissertation bei Külpe, 1908, über Rickert, nahm einiges davon erkenntnistheoretisch auf. Deren Schluß bezog sich deutlich auf die >schweren Vorgänge des Heraufkommens<.

1908-11 Berlin, Freundschaft mit Simmel, Erziehung zum (keineswegs impressionistisch bleibenden) Blick auf kleine Realitäten. Außer dem immer mehr wachsenden und verpflichtenden Blick auf den offenen Zusammenhang. 1911 in Heidelberg Beginn der Freundschaft und zehn Jahre währenden geistigen Symbiose mit Lukács. Das im Zeichen Hegels, eines totalen Systemwillens, freilich eines stets dialektisch-paradox unterbrochenen, und – bei mir vor allem – futurisch, ja >eschatologisch< offenen. Selber marxistisch, verwandt den Gedanken in Lukács‘ Buch von 1923 >
Geschichte und Klassenbewußtsein <: erst die spätere Orthodoxie bei Lukács machte dieser Freundschaft vorübergehend ein rein sachliches Ende.

1915, in Garmisch vorbereitet, mit viel Beethoven außer Hegel im Kopf, nicht ohne Berührung mit dem Expressionismus des Blauen Reiters, erfolgte in junger Ehe die Niederschrift des >Geist der Utopie<, beendet 1917 in Grünwald im Isartal. Ebenso in Garmisch vorbereitet (dem noch gänzlich lärmfrei gewesenen) die einleitenden >Spuren<, erst 1930 erschienen. Im München der immer finstereren Reaktion 1921 >Thomas Münzer< geschrieben. Dann, nach langer schöpferischer Pause, im Berlin der sogenannten goldenen zwanziger Jahre >Erbschaft dieser Zeit< zusammengestellt (dies könnte selber den
ironischen Untertitel >The Golden Twenties< tragen). Dann aber, in der Prager Emigration, Vorbereitung des Buchs >Geschichte und Gehalt des Begriffs Materie<, vermehrt erschienen 1972 unter dem Titel >Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz<: der Bogen Utopie-Materie wird hier gespannt. Und nun die amerikanische Emigration, mit treuer Hilfe meiner Frau überstanden und in fruchtbar unbeachteter Ruhe  mit der Abfassung der Bücher >Das Prinzip Hoffnung<, >Naturrecht und menschliche Würde<, >Subjekt-Objekt, Erläuterungen zu Hegel< ausgefüllt.

1949-1956 philosophisches Ordinariat in Leipzig, bei wachsender Unzufriedenheit der Funktionäre. 1961 Übersiedlung in die BRD, an die Universität Tübingen, in die unterscheidende Tradition Hölderlin-Schelling-Hegel, zu alten und neuen Freunden, Beginn einer Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag. In Tübingen >Tübinger Einleitung in die Philosophie< geschrieben, >Atheismus im Christentum<, >Zur Ontologie des Noch-Nicht-Seins<. In diesem Jahr, 1974, beendete ich das Buch >Experimentum mundi, kategoriale Grundzüge<.

Das Arbeitsproblem heißt docta spes, das ist negativ wie positiv durchleuchtete Hoffnung. Mit dem nicht nur jungen Marx möchte dergleichen verpflichtend in allem curriculum philosophiae experimentalis stehen.

Mit Beiträgen von E. Bloch – J.M. Bochenski – A. Dempf – H. Glockner – H.-E. Hengstenberg – P. Jordan – W. Marx – J. Pieper – H. Plessner. Hamburg 1975.