Buchbesprechung: Blochs Link zur Welt

Von Bloch gibt es bekanntlich keine wissenschaftliche Biographie, die auch das nach der Wende bekannt Gewordene berücksichtigt. Wer über Blochs Leben und die Genese des Werks umfassend bescheidwissen will, ist auf Dokumente angewiesen.

Zu diesen gesellen sich jetzt die Briefwechsel von Karola Bloch mit Siegfried Unseld hinzu. Abgedeckt wird von ihnen ein Zeitraum, in dem Bloch erblindet war und kaum noch selbst Briefe schrieb. Karola Bloch, die Polin, die nie ihren Akzent ganz verlor, zeigt sich dabei als eine des Deutschen auf lebendige Weise mächtige Stilistin. Ihre Autobiographie endet mit der Übersiedelung aus der DDR in die Bundes­republik (1961). Danach, so begründete sie das vorzeitige Ende, sei sie nur noch Frau Bloch gewesen. Tatsächlich zeigt sich die Frauenrechtlerin ante rem hier im Briefwechsel (lang vor der 68er Bewegung) für ihren Mann als Sekretärin, Köchin, Pflegerin, Freundin und Gesprächspart­nerin. Vor allem aber ist sie der Link zur Welt: die Verbindungen zum Verleger sind für Bloch die Lebensader. Ihr entlang winden sich die Beziehungen zu den Geistes­größen der alten Bundesrepublik und zu denen aus der DDR, den geflüchteten wie den dortgebliebenen: Martin Walser, Hans Mayer, Peter Huchel, Wolfgang Harich, Robert Havemann und viele andere. Plastisch zeigt sich: In Tübingen war Bloch ein Greis, der in den Uni-Seminaren jugendlich, sonst aber von seiner Umwelt isoliert ist, weil kaum einer mit dem Propheten auf Augenhöhe zu reden wagt.

von Ulrich Müller-Schöll

Irene Scherer/Welf Schröter (Hg.), „Etwas das in die Phantasie greift“. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und Jürgen Teller, Mössingen: Talheimer 2015.