EBG Newsletter 2019/1

Liebe Leserinnen und Leser des Newsletters der Ernst-Bloch-Gesellschaft,

wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen unseres Bloch-Newsletters. Dieser enthält Hinweise auf Neuerscheinungen und Veranstaltungen, Buchbesprechungen und kurze Portraits der beiden neugewählten Vorstandsmitglieder der Ernst-Bloch-Gesellschaft.

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1 Vorstandswahlen 2019

Der Vorstand der EBG setzt sich seit der Mitglieder*innenversammlung am 2. Februar 2019 neu zusammen. In ihren Ämtern bestätigt wurden Prof. Dr. Francesca Vidal als Präsidentin, Dr. Johan Siebers und Werner Wild als Vizepräsidenten sowie Reinhard Werk als Schatzmeister. Aus dem Vorstand verabschiedete sich Julia Zilles. Neu gewählt wurden dafür Manuel Theophil und Dr. Reinke Schwinning, die wir an dieser Stelle kurz vorstellen möchten.

Manuel Theophil studierte Geschichte, Germanistik und Komparatistik in Greifswald und Tübingen. In seiner Abschlussarbeit verglich er Blochs Ästhetik des Vor-Scheins mit den strukturalistischen Arbeiten des tschechischen Literaturwissenschaftlers Jan Mukařovský. Diese auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Gegenüber- und Ineinanderstellung förderte etliche Parallelen als auch Komplementarität zwischen beiden Ansätzen zutage.

Das 2016 bei Francesca Vidal in Landau aufgenommene Promotionsvorhaben vertieft diese Arbeit: Auf einer breiteren theoretischen Basis (Lotman, Tynjanov und Mukařovský) wird der Versuch unternommen, mithilfe mittel- und osteuropäischer Strukturalismen Entstehung und Eigenart des utopischen Vor-Scheins im literarischen Text zu erfassen. In einem zweiten Schritt sollen sich die theoretischen Einsichten an Texten der Gegenwartsliteratur bewähren.

Kontakt mit dem Newsletter der Bloch-Gesellschaft, den er zukünftig gemeinsam mit Reinke Schwinning betreuen wird, gab es für Manuel Theophil bis dato vornehmlich als Leser sowie durch das Beisteuern eines Tagungsberichts vor einigen Jahren. Außerdem war er an der Redaktion des aktuellen Jahrbuchs der Gesellschaft (vgl. Publikationshinweis 3.1) beteiligt.

Reinke Schwinning ist Musikwissenschaftler an der Universität Siegen. Bereits während seines Lehramtsstudiums der Fächer Musik und Philosophie wurde er auf das umfangreiche musikbezogene Schaffen Ernst Blochs aufmerksam, dessen Erforschung er sich in den Folgejahren verschrieb: In seiner Dissertation (vgl. Publikationshinweis 3.3) erstellte er einen philologischen Kommentar zentraler Kapitel der „Philosophie der Musik“ in Blochs Geist der Utopie, der künftigen Leser*innen als Interpretationshilfe dienen soll.

Schwinning beschäftigte sich außerdem mit den vielen Musik- Essays Blochs, von dessen berühmten Aufsatz über Beethovens Fidelio für das Programmheft der Berliner Krolloper bis hin zu den ebenso überschwänglichen wie bemerkenswerten Besprechungen der Brecht/Weill’schen Dreigroschenoper. Dementsprechend setzt er sich dafür ein, Blochs Musikschrifttum in der Bloch-Forschung sichtbar zu machen. Ein Meilenstein dazu war die 2014 von ihm mitorganisierte interdisziplinäre Tagung „[Ton]Spurensuche – Ernst Bloch und die Musik“ unter der Leitung von Matthias Henke und Francesca Vidal sowie der gleichnamige Tagungsband, der unter seiner Mitarbeit 2015 erschien.

Ob es Blochs Musikästhetik ist, Musik und Komponisten des 20./21. Jahrhunderts oder Musik in Videospielen: Neugier sowie der Blick über den Horizont und über disziplinäre Tellerränder hinaus sind beständiger Teil von Schwinnings Forschungsarbeit.

 

2 Buchbesprechungen

2.1 Hanna Gekle: Der Fall des Philosophen

Weder psychoanalytische Fallgeschichte noch Biographie will Hanna Gekles neues Buch über Ernst Bloch sein, sondern der Versuch, eine doppelte Bewegung darzustellen: Es geht um den Nachvollzug der Verwicklung von analytischem Herausbringen (des Selbst) und produktivem Hervorbringen (des Werkes), was als eine „Archäologie des Denkens“ bezeichnet wird. Untersuchungsgegenstand dieser Archäologie sind vornehmlich Briefe Blochs sowie Texte aus dessen Frühwerk.

Dreh- und Angelpunkt von Gekles psychoanalytischer Textauswertung ist ein nicht voll entwickelter Ödipuskomplex, den sie Bloch attestiert. Früh entzieht sich, aufgrund eigener Probleme, Mutter Berta dem Kind. Idealisierung wie (totale) Identifikation mit der Wunscherfüllerin ‚Mutter‘ bleiben folglich ebenso aus wie ein auf sie gerichtetes Begehren des Jungen. Der Eingriff des Realitätsprinzips ‚Vater‘ wird hierdurch obsolet. Er wäre wohl ohnehin ausgeblieben, denn Vater Max Bloch ist noch weniger präsent als die Mutter. Eingefangen sieht Gekle Blochs ganz eigenes Ödipus-Drama etwa im Text Wasserscheide aus den Spuren. Bloch erzählt dort, wie er als junger Student im Zimmer seiner Hauswirtin einen toten Mann aufgebahrt sah. Er selber war gerade heimgekommen und fand das Haus verwaist vor – bis auf den Toten. Die Unerträglichkeit, allein zu sein mit der Leiche, lässt ihm nur die Flucht. Später wird er erfahren, dass es sich um den Mann seiner Wirtin (die er sich zuvor bereits als Witwe vorgestellt hatte) handelte. Gekle erkennt in dieser Erzählung Blochs Beziehung zu den eigenen Eltern: Mutter und Vater sind nicht präsent, sie entziehen sich allen Konflikten; Bloch selber findet sich – anders als der Ödipus Sophokles‘ und Freuds – nicht in der Rolle des tragischen Helden wieder, sondern in der des passiven Sohnes (S. 296 f).

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3 Publikationshinweise

3.1 Jahrbuch 2018/19

Unter dem Titel ‚Fremdes Zuhause, urvertraute Fremde‘. Zur aktuellen Debatte über ‚Fremd und Eigen‘ aus Blochscher Perspektive ist das Bloch-Jahrbuch 2018/2019 erschienen. Anknüpfend an den Satz „Dort wo Du nicht bist, wohnt das Glück“ erläutert Bloch in einer Geschichte in den Spuren, was es bedeutet, den Schritt in die Fremde zu wagen auf der Suche nach Heimat – dahin, worin noch niemand war. Er schreibt: „Der Sprung zum Niegewesenen ist wichtig, vor allem eben zum völlig bisher Fremden…“

Wie aktuell Suche und Sprung sind, was sie für den Einzelnen bedeuten können, erfahren wir momentan durch die vielen Menschen, die vor Krieg, Leid und Elend fliehen müssen und in Hoffnung auf ein neues Leben sich nach Europa begeben. Europa als Gelobtes Land? Den Sprung ins noch nicht Gewesene wagen auch die Menschen in den Ländern, in denen die Flüchtlinge Zuflucht suchen, und wie in Blochs Geschichte führt dies nicht immer zu einem Willkommen, sondern auch zu Gewalt und Abschottung.

Mit Blochs Philosophie begegnen die AutorInnen des Jahrbuches der aktuellen Debatte durch eine Diskussion der Begriffe ‚Grenze‘, ‚Differenz‘, ‚Kultur‘ und ‚Utopie‘. Sie beschreiben den Weg von Bloch und von seinem Werk in die Fremde und geben Einblicke in die aktuelle Blochforschung.

Mit Beiträgen von Michael Daxner, Beat Dietschy, Reinke Schwinning, Barbara Smitmans-Vajda, Xiaomeng Zhang, Mohamed Turki, Rainer E. Zimmermann, Micha Brumlik, Gérard Raulet, Richard Faber und Joachim Lucchesi.

Francesca Vidal (Hrsg.): ‚Fremdes Zuhause, Urvertraute Fremde‘. Zur aktuellen Debatte über ‚Fremd und Eigen‘aus Blochscher Perspektive. Jahrbuch der Ernst-Bloch-Gesellschaft 2018/19. Würzburg: Königshausen & Neumann 2019 (ISBN 978-3-8260-6727-3, 34,00 €).

 

3.2 Ubiratane de Morais Rodrigues (Hrsg.): Escritos sobre o Espírito da Utopia de Ernst Bloch

In Brasilien erschienen ist ein Band mit Beiträgen über Geist der Utopie. Zu den Autor*innen gehören u.a. Francesca Vidal, Ivan Boldyrev, Gérard Raulet und Arno Münster.

Ubiratane de Morais Rodrigues (Hrsg.): Escritos sobre o Espírito da Utopia de Ernst Bloch. Porto Allegre: Editora Fi 2019 (ISBN-978-85-5696-628-5).

Online verfügbar unter: https://3c290742-53df-4d6f-b12f- 6b135a606bc7.filesusr.com/ugd/48d206_15b9385b30c04b838d9761aaeea452b5.pdf

 

3.3 Reinke Schwinning: Philosophie der Musik in Ernst Blochs frühem Hauptwerk Geist der Utopie

Reinke Schwinning kommentiert in seiner Dissertation Schlüsselpassagen des zentralen, 150 Seiten starken Kapitels dieser Schrift: Blochs „Philosophie der Musik“. Methodisch spürt der Autor den geistigen wie musikalischen Kontexten nach, die den Text umlagern. So deckt er intellektuelle Verbindungen zu Richard Wagner, Hans Pfitzner, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Immanuel Kant und anderen auf. Außerdem erläutert er Blochs musikalische Bezüge, die sich auf die ‚großen Namen‘ beschränken: auf Bach, Mozart, Beethoven, Wagner, Mahler oder Bruckner. Schließlich fördert Schwinnings Kommentar die strukturelle und logische Stringenz von Blochs „Philosophie der Musik“ zu Tage, die sich hinter dessen expressionistisch-komplexer Sprache verbirgt.

Reinke Schwinning: Philosophie der Musik in Ernst Blochs frühem Hauptwerk Geist der Utopie (= Si! Kollektion Musikwissenschaft, hrsg. von Matthias Henke, Bd. 3). Siegen: universi 2019 (ISBN 978-3- 96182-002-3, 18,50 Euro).

Zu beziehen über den Verlag: info(at)universi.uni-siegen.de

Ebenfalls online verfügbar unter: https://dspace.ub.uni-siegen.de/bitstream/ubsi/1451/1/Dissertation_Reinke_Schwinning.pdf

 

4 Veranstaltungshinweise

4.1 Konferenz: „Hoffnung, Utopie, Apokalypse – Ernst Bloch und die Religion“ (Berlin, 5.–7.3.2020)

Die Katholische Akademie Berlin lädt in Kooperation mit der Ernst-Bloch-Gesellschaft und dem Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg zur Konferenz „Hoffnung, Utopie, Apokalypse – Ernst Bloch und die Religion“ vom 5. bis zum 7. März 2020 in Berlin ein.

Zu den Schwerpunkten zählen Blochs Verhältnis zur Frankfurter Schule, seine theologische Rezeption, seine Bedeutung für Gegenwartsdebatten zur Sakralisierung von Natur, der Zusammenhang von Messianismus und 68er-Bewegung, die Wechselwirkung zwischen Feminismus und Blochs Philosophie der Hoffnung sowie die Rolle des Islam in Blochs Denken.

Referent*innen sind u.a. Prof. Dr. Anne Eusterschulte (Berlin), Prof. Dr. Gérard Raulet (Paris), Prof. Dr. Micha Brumlik (Berlin), Prof. Dr. Christoph Schmidt (Jerusalem), Prof. Dr. Sandra Lehmann (Kassel), Prof. Dr. Thomas M. Schmidt (Frankfurt/M.), Prof. Dr. Henning Tegtmeyer (Leuven), Prof. Dr. Francesca Vidal (Landau) und Prof. Dr. Richard Faber (Berlin).

Weitere Informationen sind zu finden unter: https://www.katholische-akademie- berlin.de/veranstaltung/hoffnung-utopie-apokalypse/

 

4.2 Symposion: „Utopie und Widerstand. Ideologiekritik • Politische Musik • Bildung“ (Salzburg, 26.–27.3.2020)

Unter dem Titel „Utopie und Widerstand. Ideologiekritik“ findet am 26. und 27. März das erste Ernst Bloch Symposion Salzburg statt, das von Vertreter*innen der Universität Salzburg und der Bergischen Universität Wuppertal organisiert wird.

Ziel der Veranstaltung ist es, Blochs Philosophie mithilfe transdisziplinärer wissenschaftlicher und künstlerischer Beiträge in die Bildungswissenschaften hineinzutragen. Im Mittelpunkt werden u.a. die Themen Widerstand, Utopie und politische Kunst/Musik/Literatur stehen. Es sind Keynotes von Prof. Dr. Micha Brumlik (Frankfurt a.M.) und Prof. Dr. Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Kassel) angekündigt.

Die Veranstalter*innen laden mit einem Call for Papers zur Teilnahme ein. Vorschläge für Beiträge können bis zum 12.01.2020 eingereicht werden.

Weitere Informationen, ein Anmeldeformular und der CfP sind zu finden unter: http://blochsymposionsalzburg2020.sbg.ac.at/wordpress/

 

Impressum:

Ernst-Bloch-Gesellschaft Ludwigshafen e.V.

Die Gesellschaft ist im Vereinsregister des Amtsgerichts Ludwigshafen unter VR 1824 eingetragen.

 

Vorstand

Prof. Dr. Francesca Vidal, Präsidentin

Dr. Johan Siebers, Vizepräsident

Werner Wild, Vizepräsident

Prof. Dr. Gert Ueding, Vorstandsmitglied

Reinhard Werk, Schatzmeister

Dr. Reinke Schwinning, Vorstandsmitglied

Manuel Theophil, Vorstandsmitglied

 

Kontakt

Ernst-Bloch-Gesellschaft

Geschäftsführung

Reinhard Werk

Albrecht-Dürer-Str. 3

72076 Tübingen

 

Redaktion des Newsletters

Manuel Theophil / Reinke Schwinning

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