EBG Newsletter 2014

Bloch-Newsletter 2014
Mitteilungen der Ernst-Bloch-Gesellschaft Ludwigshafen e.V.

Ein neues Format

Die Mitteilungen der Ernst-Bloch-Gesellschaft ( Bloch-Newsletter) bekommen ab dieser Ausgabe ein neues Format. Sie sollen in der Regel halbjährlich erscheinen. Wir werden über einzelne Neuigkeiten, Tagungen und Debatten berichten. Außerdem werden wir ein interaktives Forum aufbauen, damit alle Mitglieder der Gesellschaft , aber auch interessierte Nicht-Mitglieder Diskussionen zur Blochschen Philosophie und ihr Wirken führen können. Auf diese Weise hoffen wir, den Informationsaustausch mehr in „real time“ gestalten zu können.
Gerne verschicken wir die Mitteilungen an alle Interessierten. Bitte schicken Sie Ihre Emailadresse an Johan Siebers: bloch.gesellschaft@gmail.com

Tagung 2014 der Ernst-Bloch-Gesellschaft:

Die Utopie des Friedens

Der Aufschrei der Moderne gegen Krieg, Gewalt und Unterdrückung (1914 – 2014)
Öffentliche Herbsttagung der Ernst-Bloch-Gesellschaft e. V.
am 17. und 18. Oktober 2014 im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen

Im August 2014 jährte sich zum einhundertsten Mal der „Zivilisationsbruch“ des 20. Jahrhunderts mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Die Ursache dieses Krieges war längst angelegt in der beschleunigten, kapitalistischen Modernisierung und Militarisierung bis ins Alltagsleben hinein im Deutschen Reich. Schon vor dem Beginn des Krieges und mit zunehmender Intensität während des Krieges reagierten Künstler und Intellektuelle auf diese Entwicklung und auf das Grauen der Schlachten. Die Auseinandersetzung von Künstlern und Intellektuellen mit ihrer Zeit wird zum „Aufschrei der Moderne“ gegen Krieg, Entmenschlichung und Verdinglichung, sie wird zum Ausdruck einer „Sehnsucht nach einem anderen Sein des Menschen“. Ernst Bloch, Kriegsgegner der ersten Stunde, hat mit seinem journalistischen und 
(religions-)philosophischen, utopischen Frühwerk einen singulären Beitrag zu dieser vielschichtigen Bewegung geleistet, das auch als eine „Utopie des Friedens“ gelesen werden kann. Auf der Tagung wird dieses Frühwerk in seinen Grundzügen vorgestellt, seine „Spuren“, Querverbindungen verfolgt, und die Aktualität dieser Utopie diskutiert.

PROGRAMM

Freitag, 17.10.2014

10.15 Uhr Begrüßung durch den Gastgeber: Klaus Kufeld (EBZ)
10.25 Uhr Eröffnung durch Francesca Vidal (EBG)
10.35 Uhr Werner Wild (Tübingen): Die Utopie des Friedens – Der Aufschrei der Moderne und die Utopie des Friedens im Frühwerk von Ernst Bloch.
11.15 Uhr Bernd Weidmann (Frankfurt): Zum historischen Kontext des Geist der Utopie (1914 – 2014)
12.00 Uhr Matthias Meyer (Tübingen): Objekt – Subjekt. Wege aus der Verdinglichung. Schelling und Bloch
12.45 Uhr Mittagspause
14.15 Uhr Theodor Huett (Stuttgart): Ortlose Heimat bei Hegel und Bloch
15.00 Uhr Martin Arndt (Zagreb): ‚Zudem erwacht endlich der Stolz, jüdisch zu sein.‘ Der frühe Bloch im Umkreis jüdischer Intellektueller (Buber, Landauer, Scholem, Fromm u.a.) – Wahlverwandtschaften oder mehr?“

15.45 Uhr Pause
16.15 Uhr Julia Zilles (Göttingen): ‚Widerstand und Friede‘ Die Friedenspreisrede von Ernst Bloch
17.30 Uhr Mitgliederversammlung der EBG
19.00 Uhr Kleine Abendmahlzeit im EBZ
20.00 Uhr Burghard Schmidt (Wien): Die Utopie verlässt uns nicht. Sie als Buxtehuder Igel – Über das Wandlungswesen des Zukunftsvorgriffs

Samstag, 18.10.2014

10.00 Uhr Johan Siebers und Catherine Moir (London): „Die Welt gut im Gang“: der Friedenstopos in Blochs Denken.
10.45 Uhr Pause
11.00 Uhr Gert Ueding (Tübingen): „Destructio destructionis – Blochs Waffe der Polemik“
11.45 Uhr Pause
12.00 Uhr Michael Daxner (Berlin): Frieden und Heimat revisted
12.45 Uhr Mittagspause
14.30 Uhr Rainer E. Zimmermann (München): „Nur sanft sein, heißt noch nicht gut sein.“ 
Bemerkungen zur Schwerkraft der Verhältnisse.
15.30 Uhr Francesca Vidal (Landau): Schlussworte

Am 17.10.2014 um 17:30 wird im Rahmen der Jahrestagung auch die Mitgliederversammlung 2014 stattfinden. Wir laden die Mitglieder der EBG auch auf diesem Wege herzlich zur Mitgliederversammlung (nicht öffentlich) ein.

Tagesordnung:

• Begrüßung
• Verabschiedung der Tagesordnung
• Bericht des Vorstandes
• Bericht des Schatzmeisters
• Bericht der Kassenprüfer
• Entlastung des Vorstandes
• Vorstellung der Kandidaten für den neuen Vorstand
• Wahl eines Wahlleiters
• Wahl des Vorstandes
• Wahl der Kassenprüfer
• Verschiedenes

Jahrbuch

Das Jahrbuch der Ernst-Bloch-Gesellschaft ist in den letzten Jahren, meistens in jährlicher Abfolgeerschienen. Der Vorstand der Gesellschaft, die als Idealverein nur über beschränkte finanzielle Ressourcen verfügt, möchte das Jahrbuch als Publikation erhalten, die die Wahrnehmung der Gesellschaft in öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen gewährleistet. Deshalb hat der Vorstand beschlossen, der Mitgliederversammlung vorzuschlagen, dass das Jahrbuch in Zukunft alle zwei Jahre erscheint. Der nächste Band wird – später als vom Vorstand geplant – Ende dieses Jahres oder Anfang 2015 erscheinen. Das Jahrbuch wird in Zukunft nicht mehr beim Talheimer Verlag, sondern beim Verlag Königshausen und Neumann erscheinen.

Der Vorstand wird sich dafür einsetzen, dass der wissenschaftliche Beirat der Gesellschaft, den ihre Satzung vorsieht, installiert wird. der Gesellschaft . Wir hoffen, mit Unterstützung des Beirats das Jahrbuch in Zukunft noch mehr als anerkannte Plattform für die wissenschaftliche Bloch-Forschung gestalten zu können und damit seine Attraktivität als Publikationsmedium für die Wissenschaft wachsen zu lassen. Seine Identität als gesellschaftskritisches Organ soll das Jahrbuch selbstverständlich weiterhin behalten.

Ernst Bloch Studies

Die Präsenz von Ernst Bloch und den Blochschen Themen im anglophonen Sprachraum wächst ständig. Wir berichteten schon über den 2013 bei Duke University Press erschienenen Band The Privatisation of Hope: Ernst Bloch and the Future of Utopia, herausgegeben von Slavoj Žižek und Peter Thompson. Die Bloch community in England hat eine Facebookseite gestartet, „Ernst Bloch Studies“, mit Mitteilungen, Forumsdiskussionen und anderen Austauschmöglichkeiten. Sie können sich einfach anmelden. Die „online community“ hat schon um die 450 Mitgliedern weltweit.

Deutsche Gesellschaft für Philosophie

Ab 2014 ist die Ernst Bloch Gesellschaft korporatives Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Philosophie e.V.: „Die Deutsche Gesellschaft für Philosophie e.V. (DGPhil) ist die Vereinigung der an Hochschulen und Schulen des deutschsprachigen Raums forschenden und lehrenden Philosophinnen und Philosophen sowie aller, die am deutschen philosophischen Geistesleben teilnehmen wollen. Ferner gehören ihr über 20 philosophische Vereinigungen mit unterschiedlichen Aufgabenstellungen und Schwerpunkten im Bereich der Philosophie an“ (www.dgphil.de). Die DGPhil versteht sich als Dachorganisation für das philosophische Leben in Deutschland, innerhalb und außerhalb von Hochschulen und Universitäten. Zusammen mit unserer langjährigen Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften (www.alg.de) ermöglicht uns die Mitgliedschaft der DGPhil die Weiterentwicklung der Zielsetzung der Bloch Gesellschaft: „die Verbreitung und Förderung des Werkes von Ernst Bloch, auch über die historische Pflege des Andenkens hinaus um den konkreten Bezug der Blochschen Philosophie auf das heutige Denken offenzulegen und dabei all jene Gebiete zu bezeichnen, auf denen diese Philosophie ihr explizit praktisches Potenzial zu entfalten imstande ist.“ So hieß es vor einiger Zeit in unserer Selbstdarstellung; in der heutigen Epoche einer zunehmenden Verschulung der Universitäten und auch des akademischen philosophischen Leben, einer fortlaufenden weltweite Krise in Wirtschaft und Umwelt und des fortschreitenden Verschwindens sinnstiftender Bezüge und Hoffnungshorizonte will unsere Gesellschaft die Stimme des Blochschen Denken neu hören lassen.

Buchhinweise (Francesca Vidal)

Heinz Rademacher, Hg.: GastlWelt. Hommage an eine ‚alte‘ Buchhandlung. Tübingen: Klöpfer und Meyer 2013.
Gastl Welt, abgekürzt gawe, war das internationale Erkennungskürzel für den Fernschreiber der Tübinger Buchhandlung Gastl, erläutert der Herausgeber zu Beginn der Erinnerungen an die Buchhandlung von Julie Gast und Gudrun Schaal. Und wer immer sehnsüchtig an diese Buchhandlung in Tübingen denkt, dem sei dieses Buch dringend empfohlen. 1949 von Julie Gastl gegründet fand der eifrige Leser hier von Beginn an sowohl Bücher über Tübingen als auch Bücher von in Tübingen lebenden und lehrenden Autoren wie Eberhard Jüngel, Hans Mayer oder Walter Jens, Hans Moltmann, Hans Küng und selbstverständlich Ernst Bloch, der ja unter anderem dank der Unterstützung von Julie Gastl überhaupt nach Tübingen gekommen war und ihr bis zum Tod eng verbunden blieb. Das wird in den Beiträgen von Burghart Schmidt und Gert Ueding eindringlich beschrieben und an abgedruckten Briefen von Ernst und Karola Bloch sehr plastisch. Ein Buch über Gastl Welt ist damit auch ein schöner Hinweis darauf, was die Universitätsstadt Tübingen für Ernst Bloch bedeutete und wem er sich hier verbunden sah.
Rademacher führt in diese Welt ein, indem er sich an seine Buchhändlerlehre erinnert, womit es ihm gelingt, die Atmosphäre der damaligen Zeit lebendig zu schildern und den Lesern von Anfang an spüren zu lassen, worin die Bedeutung dieser Welt für die Tübinger Intellektuellen lag und wie grundlegend dies mit dem Engagement von Julie Gastl und Gudrun Schaal zusammenhing. Dem folgen Erinnerungen, Briefe und Fotos von Mitarbeitern und Autoren, wodurch immer auch deutlich wird, was Tübingen mit dem Umzug der Buchhandlung in neue Räume 2004 verloren hat.

Lutz von Werder: Existentialismus jetzt! Eine neue Philosophie der Hoffnung. Aus dem philosophischen Café in Berlin, Strasburg, Milow: Schibri Verlag 2013.
Seit 18 Jahren diskutieren im Berliner ‚Philosophischen Cafe‘ Menschen über eine ‚neue Philosophie der Hoffnung‘, sie beziehen sich auf den Existentialismus und auf die Philosophie von Ernst Bloch und wollen die Aktualität der Theoreme im 21. Jahrhundert überprüfen. Lutz von Werder präsentiert das vorliegende Buch als Ergebnis der Diskussionen und kennzeichnet die neue Philosophie als „optimistisch mit Trauerflor“. Der neue Existentialismus arbeite „sich als ewige Philosophie durch die existentiellen Widersprüche der Abgrund- und Gipfelerfahrungen des heutigen Systems hindurch“. Dargestellt wird dies durch eine Sammlung von Essays und Gedichten der Cafebesucher, die ganz im existentialistischen Sinne das Ich und seine Probleme ernst nehmen wollen, indem sie sich mit heutigen Gegebenheiten auseinandersetzen und dabei immer wieder Möglichkeiten heutiger Hoffnungsphilosophie suchen. Das Buch spiegelt vor allem die Hoffnung der Diskursteilnehmer, ihre Welt philosophisch zu erfassen.

Gerade erschienen:

Norbert Otto Eke, Karin Füllner, Francesca Vidal, Hgg.: ‚Zuckererbsen für Jedermann‘ Literatur und Utopie. Heine und Bloch heute. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2014.
Aus dem Vorwort:
Heinrich Heine und Ernst Bloch, Dichter und Denker, der eine im 19., der andere im 20. Jahrhundert, waren gleichermaßen Träumer einer besseren Welt und kritische Beobachter ihrer Zeit. Ihre Zukunftsvisionen, ihre Vorstellungen von Hoffnung und Utopie blieben der Analyse gesellschaftlicher Praxis immer verbunden. Die Sicht von heute aus, vom 21. Jahrhundert, in dem Sozialutopien ihre Strahlkraft verloren haben, ja geradezu obsolet erscheinen, zurück in die Zeit- und Werkkontexte von Heine und Bloch, ist eine aufschlussreiche archäologische Spurensuche und zugleich ein Blick nach vorn. Bei allen Unterschieden verbindet Bloch und Heine das dialektisch kritische Herangehen an die Tradition und bei aller Skepsis die Zuversicht, dass Literatur Horizonte und utopische Denkräume öffnen kann, in deren Perspektive die herkömmlichen Ordnungen aufgebrochen werden.
Magali Laure Nieradka: Der Meister der leisen Töne. Biographie des Dichters Franz Hessel, 2. überarbeitete und ergänzte Auflage, Hamburg: Igel Verlag, 2014

Mit diesem Buch wird die erste umfassende, wissenschaftlich fundierte und ausgearbeitete Biographie von Franz Hessel (1880-1941) in deutscher Sprache vorgelegt. Grundlage dieser fesselnd zu lesenden Lebensbeschreibung sind breit recherchierte umfängliche und teils neuentdeckte Materialien sowie sämtliche Werke und zugänglichen Briefe des Dichters. Nutzbar gemacht werden konnten fast vierzig bisher unbekannte Quellen und literarische Typoskripte. Die lebendige Darstellung folgt den einzelnen Lebensstationen von Franz Hessel und arbeitet intensiv seine Beziehungen zu Franziska zu Reventlow und anderen Frauen der Pariser und Berliner Zeit mit ein. Magali Laure Nieradka ist promovierte Germanistin und Autorin von Monographien und zahlreichen Aufsätzen zum Exil und zu deutsch-französischen Themen. Sie lehrt Französisch und Literaturwissenschaft an den Universitäten Heidelberg und Mannheim.

Nachruf auf Iring Fetscher – *4.3.1922 +19.7.2014

Einer der ganz großen Lehrer und Aufklärer einer ganzen Generation ist hochbetagt im Alter von 92 Jahren verstorben: Iring Fetscher. Fetscher gehörte zu den Hochschullehrern, die in den 60- und 70-iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer ganzen Generation einen neuen, weiten geistigen Horizont demokratisch-emanzipatorischer Veränderung eröffneten und sie auch rüstete gegen dogmatische Verirrungen. Und da stand er an ganz prominenter Stelle, um der interessierten Öffentlichkeit einen Marx bekannt zu machen, dessen emanzipatorischen Gehalte als Bestandteile einer kritischen Gesellschaftstheorie Fetscher fruchtbar werden liess. Dazu war Fetscher früh ausgewiesen. In seiner Promotion, beschäftigte er sich mit „Hegels Lehre vom Menschen“(1950) und seine Habilitation1959 trägt den Titel: „Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs.“ Mit dem Erkenntnisinteresse auf der Freiheit des Menschen und ihrer demokratischen Verwirklichung war Fetschers Kritik sowohl im Hinblick auf die politische Philosophie des Westens als auch der des Ostens vorprogrammiert. Bereits seit Mitte der 50-iger Jahre – in der Zeit des Kalten Krieges – wandte sich Fetscher seinen Marxismus-Studien zu, mit dem Ziel Marx aus den ideologischen Schützengräben des Antikommunismus herauszuholen und die Marx’sche Theorie auf wissenschaftlichem Niveau ratiomal diskutierbar vorzustellen. Bereits 1956 erschien „Von Marx zur Sowjetideologie“. Fetscher bestreitet dort den Machthabern in Moskau und Ost-Berlin, das Recht als Erben von Karl Marx auftreten zu können, da ihre Herrschaft dem emanzipatorischen Anspruch von Marx völlig widerspräche und rettet so den emanzipatorischen Gehalt des Marx’schen Denkens. Von 1963 bis1965 erscheint sein großes Werk zu Marx, die dreibändige, noch heute aktuelle Anthologie „Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten.“ Diese wissenschaftliche Ernte seiner Arbeit wusste Fetscher auch in pädagogischer Absicht sinnvoll zu verwenden. Vielen der damals Gesellschaftswissenschaften Studierenden nahm er die Angst vor den „42 blauen Bänden“ ,Marx-Engels-Werke (MEW), mit der Herausgabe seiner vierbändigen „Marx-Studienausgabe“ (1966). Über diese vier Bändchen haben damals viele – so auch der Verfasser – erstmals Texte von Marx kennen gelernt. Ohne die Arbeit von Iring Fetscher wäre der kritische Marxismus niemals so vielen Menschen in Deutschland zur Kenntnis gekommen.
Von 1963 bis 1987 hatte Iring Fetscher an der Universität Frankfurt einen Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte inne. In seiner Lehrtätigkeit konzentrierte er sich auf zwei Schwerpunkte: Einmal kritisierte er immer wieder die konservativen Strömungen der Politikwissenschaft. Zum anderen versuchte er – durchaus erfolgreich – der Fachdisziplin demokratische-emanzipatorische Fundamente einzuziehen. In diesem Sinn haben auch später seine Schüler – wie etwa Dieter Senghaas, Eike Hennig, Gert Schäfer, Rainer Erd u.a. – weitergearbeitet. Dies alles vollzog sich im Aufbruchsklima der Stadt Frankfurt in den 60-iger Jahren, die zu dieser Zeit die Rolle„einer geistigen Hauptstadt der alten Bundesrepublik“ einnahm. Hessen und insbesondere Frankfurt wurde damals regiert von einer deutlich linken SPD, die noch den Gedanken grundlegender Reformen denken konnte. Der Bildungsreformer Ludwig von Friedeburg amtierte als Kultusminister. Der hessische Generalstaatsanwalt, Fritz Bauer brachte die Verbrechen von Auschwitz zur Anklage. Die Mitscherlichs bearbeiteten die Frage der „Unfähigkeit zu Trauern“, also die sozialpsychologischen Hemmnisse bei der Aufarbeitung der Shoa.
Gegen die praktische Enthaltsamkeit von Adorno und Horkheimer regte sich bereits Widerstand am Institut für Sozialforschung sowohl in der Studentenschaft als auch beim wissenschaftlichen Nachwuchs. Dieser stärker handlungstheoretisch bezogener Nachwuchs, wie etwa Jürgen Habermas und Oskar Negt, zeigten bereits Präsenz. In diesem hochproduktiven Umfeld erwies sich Fetscher auch als Volksaufklärer und Intellektueller der zur plitischen Intervention willens und fähig war. Als Hochschullehrer arbeitet er auch in die Breite und veranstaltet im Radio Funk-Kollegs. Er bezog über viele Jahre hinweg Stellung zu öfffentlich interessierenden Themen. Mit seinem Kollegen Fritz Vilmar zusammen trat er ein für mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer und die Demokratisierung der Wirtschaft. Er bezog früh Position zu den „Grenzen des Wachstums“und ökologischen Fragen. Auch zum Thema Terrorismus hat er sich immer wieder geäußert. Er beriet viele Jahre Willy Brandt und arbeitete mit Erhard Eppler in der SPD-Grundwerte-Kommission. Seine theoretische Arbeit führte ihn zum Engagement und umgekehrt. Aus seinem Demokratie- und Freiheitsverständnis heraus, wusste er was es bedeutet und verlangt ein Citoyen zu sein – und das hat er gelebt in all seiner Vielseitigkeit. Und da ereignete sich etwas, was ihn möglicherweise selbst überraschte. Obwohl alle seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen relativ hohe Auflagen erreichten und immer wieder neu aufgelegt werden, erreichte ein von ihm 1972 geschriebenes „Märchenverwirrbuch“, in dem er die Grimm’schen Gestalten parodiert, mit dem Titel: „Wer hat Dornröschen wachgeküsst?“ bis 1992 die sagenhafte Auflagenhöhe von 250.000 verkauften Exemplaren. Auch wenn man an der einen oder anderen Stelle der Texte dieses Buches kleine Seitenhiebe gegen Adorno oder Bloch herauslesen kann, so ist die Liebe zur Poesie, insbesondere der Gattung der Märchen, eine Seite, die Iring Fetscher und Ernst Bloch verbindet: Märchen haben immer etwas mit Träumen zu tun und Träume weisen immer nach vorne, haben Überschüssiges, nicht Verwirklichtes. Beide haben in praktischer Absicht gearbeitet, wenn auch unterschiedlich im Ansatz. Für beide spielte Religion ein große Rolle, als etwas das man nicht abtun und wegwischen konnte. Iring Fetscher war als junger Mann zum Katholizismus konvertiert und fand so den Zugang zum Christentum. Ernst Bloch hingegen fand als Atheist seinen Zugang zum Christentum. Die Berührung beider Wege findet sich im Urchristentum/Urkommunismus des Wilhelm Weitling, das Marx in seinen Frühschriften von jenem übernommen hat. Bei Fetscher wie bei Bloch schwingt aber etwas mit, was Kierkegaard zu seiner vehementen Kritik am Hegelschen System geführt hat. Ganz im Sinne Kierkegaards ist ihnen Wahrheit nur eine um der Existenz des Menschen Willens. So ist es keine Überraschung das es Iring Fetscher, wie Ernst Bloch, Leo Kofler, Herbert Marcuse u.a. den emanzipatorischen Marx gegen das real-existierende System des Sozialismus, das die Befreiung von der Agenda gestrichen hatte, verteidigen. Kurze Zeit bevor Ernst Bloch das letzte Exil von Deutschland Ost nach Deutschland West antreten muss, hält Iring Fetscher seine Antrittsvorlesung in Tübingen mit dem Titel: „Marxismus und Bürokratie“, in der er Marx und Engels als leidenschaftliche Gegner jeglicher Bürokratie zeichnet. Gemeinsames im Denken von Iring Fetscher und Ernst Bloch gibt es genügend und so lässt sich sagen, dass der erste zum letzterem einen zugeneigt und differenziert-kritischen Zugang hatte. Als Siegfried Unseld einlud zum 80 Geburtstag von Bloch einen Sammelband zu gestalten, mit dem Titel „Ernst Bloch zu ehren“, steuerte Iring Fetscher gerne einen Beitrag bei: „Ernst Bloch auf Hegels Spuren“. Fetscher kritisert zum einen, das Blochs dialektischer Materialismus – ähnlich wie bei Alexandre Kojève – mit Hegels dialektischen Idealismus in eins falle und zum anderen würdigt er Blochs Versuch Hegels System aufzubrechen und dessen Inhalt als Grundriss einer noch verborgenen Zukunft zu deuten. So zeigt Ihring Fetscher in der ihm eigenen Bescheidenheit exemplarisch auf, das eine Person zu ehren und zugleich Kritik an ihren Forschungs-Ergebnissen zu äußern dem Zugewandt-Sein keinen Abruch tun muss. In welchem bewundernswerten Ausmass die Persönlichkeit Ihring Fetscher zur Selbstreflexion und Kritik in der Lage war erweist sich in einem seiner letzten Bücher: „Neugier und Furcht. Versuch mein Leben zu verstehen“(1995). Dort setzte er sich der Frage aus, wie er sich freiwillig im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht melden und die Offizierslaufbahn einschlagen konnte. Mit diesem Buch zeigt Fetscher auch seine menschliche Größe. Der Vorstand der EBG trauert um Iring Fetscher und wird seinem Werk und Wirken ein ehrendes und lebendiges Angedenken bewahren.

Der scheidende Odysseus

Ein Aphorismus von Bloch aus dem Jahr 1968 lautet wie folgt:
Ist heute sogar die bloße Idee der Utopie nicht, so wie Odysseus, verschlagen – und damit Bloch’s Denken als ein Wirkungsträchtiges? Eingesperrt in einer Grube, bedroht von einem einäugigen Riesen, der nichts sieht als das, was er fressen kann? Wo holen wir den Listenreichtum her, so wie Odysseus, aus dem ou-topos des utopischen Gedankens selbst eine Fluchtmöglichkeit zu machen, eine Chance, um wieder auf die Heimfahrt zu gelangen? Die Utopie ist selber utopisch geworden, und damit um zwei Schritte zu weit für uns.
Doch lesen wir ganz genau. Die Freiheit wird gewonnen durch Wahrheit als List. Nirgends ist das was wir suchen: aber dann können wir auch ruhig gehen, wohin wir wollen. Einmal frei, fängt die Reise nach Hause wieder an. Das Zuhause ist nur da, sagt Bloch, damit die Reise unternommen werden kann. Alles ist „in ungestellter Zukunft verhüllt“, Ithaka nur da als Imago, als anschaubarer Abschluss. Das eigentliche Ziel ist überhaupt noch nicht da, noch nicht verstanden, noch nicht ausgemalt. Nur, und das ist der dritte Punkt, das Erlebnis unaugesprochener Liebe, unterwegs gemacht, im Vorbeigehen, stellt der Weg nach Hause in Frage und berichtigt sie. So hätte Ithaka auszusehen, wenn es eines wäre. Die Spur des Utopischen bleibt schräg, wir gehen sie nicht direkt, nur indirekt als Versprechen, als „duftend schwebender Äther“ führt sie uns. Bloch sagt, dass die Utopie in dem Zwischenraum zwischen Ziel und gemachter Erfahrung besteht, sowohl in unserem Inneren als in der geteilte Außenwelt. Diese Spuren sind die Bruchlinien in der verwalteten Welt, wie Adorno es wohl gesagt hätte; alle die Erfahrungen, Beziehungen, Momente für die es keinen Platz gibt, und die doch da sind: das sind buchstäblich die ou-topien, an die wir uns halten können. Eine bunte Versammlung höchstindividueller Erfahrungen, und doch immer kommunizierend, verständlich, wegen dieses Ungesagten, Unplazierten, das darin steckt. Eine Lücke die verbindet. (Johan Siebers)

Dieser Newsletter ist auch als digitaler Download verfügbar: EBG Newsletter 2014/1